Historische Streiflichter
Mitglieder des Museumsvereins blättern in historischen Tageszeitungen, um wichtige, spannende, amüsante, prägende oder belanglose Mitteilungen aufleben zu lassen.
Die abgedruckten Zeitungsartikel werden wörtlich übernommen. Die Schreibweise, gemäß den damaligen geltenden Rechtschreibungsregeln, lässt daher manchmal ein Schmunzeln über das Gesicht der geschichteinteressierten Leserinnen und Leser gleiten.
Sorgen um die Wallanlagen vor 120 Jahren
Ein Mitbürger hat sich im März 1906 in der Neubrandenburger Zeitung in einer sehr emotionalen Leserzuschrift darüber beschwert, dass den Wallanlagen zu viel Schaden zugefügt wird. Er schrieb u.a.:
„…wie die Wallanlagen von spielenden Kindern zertreten werden, trotzdem bei den Durchbrüchen schon 4 Spielplätze angelegt sind und einer mutmaßlich noch am Fangelturm geschaffen werden wird, und wie da nicht blos häßliche Fußsteige getreten werden mit ihren zerstörenden Konsequenzen auf Büsche und Bäume, sondern wie auch den kleinen Singvögeln, die jetzt zurückkehren und eine Brutstätte suchen, der Platz und die Ruhe zum Nisten immer mehr eingeengt wird…“
Daraufhin hat sich der Verschönerungsverein der Sache angenommen. In der Neubrandenburger Zeitung vom 19.05.1906 wird berichtet:
„Der Verschönerungsverein hat auch in diesem Frühjahr eine erfreuliche Tätigkeit entwickelt. Außer den alljährlich wiederkehrenden, sich vernotwendigenden Ausbesserungsarbeiten auf dem Wall und sonstigen Anlagen der Stadt sowie Anpflanzungen von Gebüsch für eingegangenes Strauchwerk treten einzelne größere Arbeiten, die in den letzten Wochen ausgeführt sind, besonders hervor; andere, und darüber berichteten wir bereits, stehen noch bevor. So ist nach dem Arbeitsprogramm des Vereins der dreieckige Platz zwischen dem Schulhofe der Knabenbürgerschule und dem Friedhofsweg, der seit Jahren ein unwirtliches Aussehen hatte, in eine freundliche Anlage verwandelt worden. Auch bei dem Prillewisse=Denkmal am Zingel vor dem Friedländer Tor, das im vorigen Jahre eine erfreuliche Renovierung erfahren hat, sind noch Veränderungen vorgenommen worden; die das Denkmal umgebende Steingrotte ist erhöht und vergrößert worden und trägt jetzt wesentlich besser zur Hebung des schlichten, von Anlagen umgebenen Gedenksteines bei.
Das bis dahin sehr versteckt liegende Boll=Denkmal auf der Südseite des Marienkirchplatzes ist durch Entfernung von Bäumen und Beschneiden des umgebenden Strauchwerkes den Blicken zugänglich gemacht, auch ist das Denkmal selbst renoviert worden und hat einen neuen Farbanstrich und Auffrischung der Inschrift erhalten. Durch die Aufstellung von Ruhebänken am neuen Badeweg und auf den Wällen ist den Wünschen des Publikums Rechnung getragen. Das Gesträuch der Wall=Anlagen hat im Laufe des Frühjahres zum Teil starkes Zurückschneiden erfahren, auch sind höhere Gebüsche stellenweise entfernt. Man nahm im Publikum an, daß dadurch der Vogelwelt geeignete Stellen zum Brüten genommen würden.
Es ist aber dies gerade geschehen, um ein dichteres Wachstum des niederen Buschwerkes zu fördern, sodaß den kleinen gefiederten Sängern noch mehr und geschütztere Brutplätze geschaffen werden. Es ist erfreulich, daß in unserer Stadt so sehr viel zur Verschönerung der näheren und weiteren Umgegend getan wird. Daß dies von allen Kreisen des Publikums gewürdigt wird, würde dadurch gezeigt werden, daß die Anlagen noch mehr in Schutz genommen würden. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß die mit Anlagen versehenen Plätze, Moltkeplatz und der Platz an der Linde etc., nicht von Kindern, die ohne Begleitung Erwachsener sind, als Spielplätze zu benutzen sind. Neben den Hinweisungen durch die Schule sollten die Eltern ihre Kinder, besonders die kleineren, anhalten, die an fast allen Durchbrüchen der Stadmauer angelegten Spielplätze aufzusuchen. Auch der Marienkirchplatz wird sehr viel als Spielplatz benutzt. Da die Anlagen jetzt zum Teil neu angesamt sind, so ist die Mahnung, dieselben zu schützen, jetzt wieder besonders angebracht.“
Vornehmes Café mit »Großstadtflair« und Heilanstalt unter einem Dach
In einer Annonce im Fremdenführer für die Stadt Neubrandenburg wird die Hofkonditorei „C. Zandering“, am Markt/ Ecke Eisenbahnstraße als „größtes und vornehmstes Café Mecklenburgs – Treffpunkt aller Fremden“ angepriesen.
Am 8. Mai 1906 wird in der Beilage zur Neubrandenburger Zeitung von der Wiedereröffnung des Cafés nach der Brandkatastrophe im Jahre 1905 berichtet:
(7. Mai).: „Das heute zur Eröffnung gelangende Café Zandering verspricht durch seine behaglichen Räume und seine gediegene, vornehme Ausstattung den höchsten Ansprüchen gerecht zu werden. Die Einrichtung ist ebenso wie die Außenarchitektur in Barockformen mit Anklängen an die Empirezeit ausgeführt. Die Innenausstattung ist in Mahagoni mit reicher Vergoldung gehalten. Alle Glasteile sind höchst effektvoll in facettierten, geätzten Scheiben resp. geschliffenen Spiegeln ausgeführt. Der Entwurf stammt von dem Architekten Carl Mohr, Charlottenburg. An der Ausführung waren die Firmen H. Giesecke hierselbst, H. Schachtmeyer=Berlin und Kunstmaler Eissing=Charlottenburg in erster Linie
beteiligt. Die Bauausführung hatte Herr Maurermeister Greuel hierselbst.
Das Gebäude ist mit modernsten Einrichtungen, Zentralheizung, Wasserleitung, Warmwasserleitung, Baderäumen, elektrischer Ventilation etc. versehen und bildet eine Zierde unserer Hauptstraße.“
Am 8. Mai erscheint noch eine Kurzmitteilung, die folgendes Resümee zieht:
„Gestern wurden die neuen Räume des Café Zandering eröffnet. Der Besuch war vom Nachmittag bis in die Nacht hinein ein sehr starker. Auch außerhalb des Lokals sah man viel Zuschauer stehen. Das Lokal machte in seiner glänzenden Ausstattung und Beleuchtung bei der starken Frequenz den Eindruck eines großstädtischen Cafés.“
Bereits im April des Jahres 1906 wurde auf eine bevorstehende Besonderheit des Hauses Zandering aufmerksam gemacht.
Die Nachricht in der Beilage zur Neubrandenburger Zeitung vom 11.04.1906 macht neugierig:
„Eine elektrische Licht=Heilanstalt wird Herr Dr. Eberwein aus Berlin hierselbst im Hause des Café Zandering einrichten. In der zweiten Etage sind zu diesem Zweck neun Zimmer gemietet worden, in denen auch u. a. Betten für Patienten zur Aufstellung gelangen.
Auch Röntgen=Behandlung wird zur Anwendung kommen. Wir werden somit demnächst hier am Orte nicht weniger als drei Spezialärzte haben, da auch Dr. Heuschert hier wieder seinen Wohnsitz nimmt. Augen=, Ohren=, Nasen=, Kehlkopf= und Lichtheilkunde wird durch diese Herren, die natürlich mit dem durch die bequemen Eisenbahnverbindungen von allen Nachbarorten nach hier erleichterten Fremdenverkehr rechnen, vertreten sein.
Ferner dürfte die medico=mechanische Behandlung im Institut des Herrn Medizinalrat Dr. Mercker hier mit anzuführen sein…“
Kurz vor Frühlingsanfang noch ein Nachtrag zum Winterwetter im historischen Vergleich
In den ersten Wochen des Jahres 2026 hat uns der Winter gezeigt, dass es ihn noch gibt. Auch vor über 120 Jahren berichten Wetteraufzeichnungen von sowohl recht milden und andererseits anhaltend kalten Wintertagen von Dezember bis März.
In der Neubrandenburger Zeitung vom 04.01.1902 wurde Folgendes zusammengefasst:
„Das gelinde Wetter, das wieder während des diesjährigen Weihnachtsfestes geherrscht hat, hat in vielen Kreisen Erörterungen darüber hervorgerufen, wie das Wetter in den letzten Jahren zu Weihnachten gewesen sei … Unter den letzten 15 Jahren sind 5 gewesen,
in denen während des Weihnachtsfestes, in den vier Tagen vom 24. bis 27., mehr oder weniger Frost herrschte. Es waren das 1887, 1890, 1892, 1895 und 1899. Im Jahre 1887 trat, nachdem vorher eine Woche hindurch Regen = und Schneewetter stattgefunden hatte, am heiligen Abend Frost ein, und das ganze Fest hindurch blieb das Thermometer auf -3 bis -9 Grad, wobei viel Schnee fiel.
Dasselbe von vielen so ersehnte Weihnachtswetter herrschte im Jahre 1890.
Auch damals gingen vor Weihnachten starke Niederschläge nieder, sodaß am heiligen Abend elf Centimeter Schnee lagen; dann trat starker Frost ein, der sich in den Feiertagen allmählich bis auf -13 Grad steigerte und in verstärktem Maße bis nach Neujahr anhielt. Im
Jahre 1892 war das Weihnachtsfest bei recht strengem Frost bis -11 Grad und gelegentlichen Schneefällen echt winterlich. Im Jahre 1895 herrschte ebenfalls alle vier Tage hindurch Frost bis zu -10 Grad. Im Jahre 1899 waren die Tage vor Weihnachten sehr kalt; auch
am 24. sank bei Schneewetter das Thermometer noch bis -9 Grad; am ersten Feiertage trat Thauwetter ein, das aber nur 24 Stunden anhielt und am zweiten Feiertage wieder leichtem Frost bis zu -6 Grad Platz machte. …Das bei weitem kälteste Weihnachtsfest in den letzten 50 Jahren hatte 1876, wo die Mitteltemperatur der vier Weihnachtstage -13,8 Grad betrug.“
Noch eine Kurzmeldung vom Februar 1929:
„In Neubrandenburg wurde am 11. Februar mit minus 31°C die tiefste Temperatur seit Aufnahme genauer Messungen registriert.
Im Jahr 1899 war der März ungewöhnlich winterlich. Am 25. März 1899 hieß dazu:
„Der starke Kälterückfall der letzten Tage kommt, nachdem man den diesjährigen milden Winter schon gänzlich abgethan glaubte, ganz überraschend.
Wir haben den ganzen Winter hindurch nicht solchen großen Schneefall gehabt, wie jetzt, und die Temperatur, die oft bereits ganz frühlingsmäßig gewesen war, sinkt infolge der durch die Schneedecke begünstigten Ausstrahlung auf einen für diese Jahreszeit ungewöhnlich niedrigen Punkt herab… Im Jahre 1891 hatten wir eine vom 20. März bis 5. April dauernde Periode kalten, schneereichen Wetters, und im Jahre 1888 sank das Thermometer am 16. März noch bis - 12,4 ° R., und die Schneedecke erreichte in den Tagen vom 20. bis 22. März die Höhe von 25 Ctm. und am 26. März: „In der vorgestrigen Nacht sank das Thermometer auf mehr als - 13 Grad R., und ist dies ist wohl die größte Kälte in diesem Jahre gewesen.“ (Anmerkung: -13⁰ R entsprechen etwa -16⁰ C)
Leuchtgas oder Stadtgas - alles hatte seinen Preis
Fast täglich werden wir in irgendeiner Weise mit den Themen erneuerbare Energien, fossilen Brennstoffen, mit Gasverbrauch und Gaspreisen konfrontiert. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts spielte die Gasversorgung in den Städten eine zunehmende Rolle. Die Gasanstalt Neubrandenburg wurde 1867 errichtet. Ab Mitte 1890er Jahre erhöhte sich der Gasbedarf in Neubrandenburg rasant, denn neben Gas zum Betrieb der Gaslaternen wurde mehr und mehr Gas für Motoren und für Koch- und Heizzwecke benötigt. So wandelte sich das „Leuchtgas“ zum „Stadtgas“.
Die Gasanstalt bekam einen neuen Gasometer. In der Neubrandenburger Zeitung vom 10.01.1907 wurde berichtet:
„Zurzeit wird der neuerbaute Gasometer auf der Gasanstalt mit Wasserfüllung versehen. Der Wasserraum befindet sich zwischen Glocke und äußerem Mantel und dient als Luftabschluß. Vierzig Arbeiter müssen 72 Stunden unter Zuhülfenahme der Nachtstunden tätig sein um den Dichtungsraum, der nicht weniger als 1200 Kubikmeter Wasser faßt, zu füllen. Die Füllung geschieht mittelst des Städtischen Wasserzubringers vom angestauten Wallgraben aus.
Die Arbeiter pumpen abwechselnd in zwei Schichten, und für die jeweilig Ausruhenden sind an der Pumpstelle 2 Kohlenöfen zur Erwärmung aufgestellt. Am Donnerstag Abend wird der neue Gasometer, aus dem nun zunächst die Luft ausgetrieben und durch Gas ersetzt werden muß, bereits Gas an die Stadt abgeben.“
Mit der Zunahme des Gasverbrauchs und der zunehmenden Bedeutung von Gas für Betriebe und Privathaushalte stand auch der Gaspreis oft im Mittelpunkt von Begehrlichkeiten und Haushaltsdebatten. Nachdem die Repräsentanten der Stadt 1898 in einem Regulativ beschlossen, „… das der Preis für Leuchtgas beibehalten, das der selbe aber für Koch=, Heiz= und Motorengas von 18 auf 15 Pfg. pro Cubikmeter heruntergesetzt ist“ veröffentlichte die Neubrandenburger Zeitung vom 29. Januar 1901 einen Bericht von der Generalversammlung des Bürgervereins, in dem die Herabsetzung der Gaspreise erneut gefordert wurde. Unter Punkt 3 der Tagesordnung wurde folgendermaßen argumentiert:
„3. Punkt der T.=O., betreffend die Verbilligung der hiesigen Gaspreise, rief eine sehr lebhafte Debatte hervor. Zunächst wurde betont, daß die Preise, welche hier für Leuchtgas und für Motorgas bezahlt werden, 25% theurer sind als anderswo. Man war der Ansicht, daß die Anlage der hiesigen Gasanstalt nicht mehr auf der Höhe der Zeit stehe. Anderswo seien Einrichtungen geschaffen worden, um aus der Kohle mehr Gas zu gewinnen; dies sei gelungen. Besonders wurde hervorgehoben, daß die Kosten für die Anlage von Hausleitungen ungewöhnlich hoch seien. Die Preise, welche für das gelieferte Material zu zahlen seien, zeigten auf eine Zeit zurück, wo die Gasbeleuchtung noch als eine Seltenheit galt. Vor Allem müsse man doch zugeben, daß das Gas bei größerem Consum auch billiger geliefert werden könne. Beschlossen wurde, eine Petition an die Bürgerrepräsentanten zu richten, auf eine Verbilligung der Gaspreise einwirken zu wollen.“
Regelmäßig wurde der Betriebsbericht des Gaswerkes in der Tagespresse veröffentlicht.
Eine Bitte der Geschäftsleute
Der Aufruf „Kaufet am Orte!" in der Beilage zur Neubrandenburger Zeitung vom 05.12.1889 könnte auch zur heutigen Zeit so übernommen werden vor dem Hintergrund des modernen Internethandels. Auch wenn diese Art des Konsums zu damaliger Zeit unvorstellbar war, gab es in der Geschäftswelt Neubrandenburgs ähnliche Sorgen wie der folgende Beitrag erkennen lässt.
„Die Vorbereitungen der hiesigen Geschäftswelt für Weihnachten haben begonnen oder sind zum Theil bereits vollendet und stellen sich in den arrangirten Weihnachts=Ausstellungen der Oeffentlichkeit in anziehendster Weise dar. In den Schaufenstern herrscht ein erhöhter Glanz, der Spaziergang durch die Straßen im Glanze der abendlichen Beleuchtung zur Betrachtung der aufgestapelten Herrlichkeiten tritt in sein Recht. Dem genügsamen Menschen ist auch das Schauen, Wünschen und Hoffen auf die Weihnachtsfreude eine angenehme Abend=Unterhaltung; der Geschäftswelt wäre sofortiges Einkaufen freilich willkommener. "Kaufet am Orte!" In jedem Jahre zur Weihnachtszeit geht diese Mahnung durch die Zeitungen vorwiegend der kleineren und mittleren Städte, denn die Großstädte bedürfen naturgemäß eines solchen Appells an das Publikum nicht. In richtiger Würdigung der Berechtigung dieser Mahnung schließen wir uns derselben rückhaltlos an und richten unser Ersuchen namentlich an die bemittelten Klassen, welche vermeinen, ihre Weihnachtseinkäufe in der großen Stadt besser vollziehen zu können, weil die Auswahl dort eine größere, weil die Reclame dort eine geschäftigere ist. Wir wollen gerade diesen Weihnachteinkäufen gegenüber dringend hervorheben: versuchet, ehe Ihr nach Berlin oder sonst wohin reiset, eine Wanderung durch unsere Verkaufshallen und wählet hier für Euren Bedarf aus den Beständen das Eure aus, oder beauftragt die Geschäftsleute, Euch Euren Wünschen genehme Artikel zur Ansicht senden zu lassen. Sie alle werden bereitwilligst Euch entgegenkommen und Euch sicher zufriedenstellen.
Auf dem Wunschzettel zum Gemeinwohl stand Sauberkeit in der Stadt ganz oben
Fortschritte bezüglich der Stadtverschönerung gaben Anlass zu einem Beitrag in der Neubrandenburger Zeitung vom 03. November 1899. Gleichzeitig wird eine Mahnung für die Reinhaltung der Straßen ausgesprochen.
„In Nr. 242 dies. Ztg. wurde in einer längeren Ausführung auf den erfreulichen Aufschwung hingewiesen, den unsere Stadt namentlich in ihrer äußeren Ausstattung unter Benutzung der vorhandenen Vorzüge in den letzten drei Decennien genommen hat; wie hierin einerseits eine freudige Schaffenslust bekundet wird, so giebt sich zugleich auch ein reges Streben zu erkennen, nach Möglichkeit zu verbessern und zu verschönern. Dürfen wir ob dieser Errungenschaften nun unsere Hände in den Schoß legen und übermüthig uns einbilden, "daß wir's nun so herrlich weit gebracht?" Unser um das Gemeinwohl unserer Stadt so hochverdienter Bürgermeister Hofrath W. Ahlers äußerte sich vor Jahren über ein solches Gebahren: "Unsere schöne Stadt legt uns, eben weil sie eine so schöne Stadt ist, auch größere Verpflichtungen auf, als wir bei geringen Vorzügen sie haben würden. Wir müssen also das Ziel unserer Aufgaben uns weiter stecken, und es zeigt sich, resp. Fehlt leider noch so Manches, was uns eben nicht zur besonderen Ehre gereicht, was selbst den fremden Reisenden auf den ersten Blick auffällt und was wir nicht säumen sollten, baldigst resp. Zu beseitigen und herzustellen." Es ist, als ob dieses ernste Mahnwort in vielen Sachen der Leitstern in der fortschrittlichen Entwickelung unserer Vorderstadt gewesen ist; denn nicht nur bei Anlage von Verschönerungen, sondern auch auf anderen Gebieten hat sich gleiche Regsamkeit gezeigt. Trotzdem giebt es in unseren städtischen Verhältnissen noch Manches zu verbessern, herzustellen und zu beseitigen. Es mag an dieser Stelle nur an einige lang gehegte Wünsche erinnert werden: Die Beseitigung der namentlich in der heißen Jahreszeit unsere Geruchsorgane belästigenden und die öffentliche Gesundheit gefährdenden Unreinlichkeit der Zwischenhäuser, sowie der Straßenrinnsteine. Dieser Uebelstand wird wohl nur durch Anlage der noch fehlenden öffentlichen Wasserleitung gründlich und zu allgemeiner Zufriedenheit erledigt werden können. Eine Wasserleitung wäre auch besonders hinsichtlich unserer Wallgräben und Canäle und der aus ihnen namentlich während der heißen Jahreszeit entsteigenden schlechten Ausdünstungen wünschenswerth. Ebenso vernothwendigt sich eine bessere Ueberwachung der Dungabfuhren über die Straßen, die nur mit solchem Geschirre zulässig sein sollten, welches das Herabfallen des Dunges und namentlich das Abfließen der Jauche und die Verunreinigung der Straßen dadurch verhindert.“
Technische Errungenschaft versüßt das Leben der Neubrandenburger
In der Neubrandenburger Zeitung vom 15.09.1887 wurde in einer Kurznachricht auf technische Neuerungen aufmerksam gemacht, die in Neubrandenburg Einzug gehalten haben. Der erste Hinweis bezieht sich auf die Aufstellung eines Schokoladenautomaten am Südbahnhof, der für einiges Aufsehen sorgte. Mitte des 19. Jahrhunderts kam die maschinelle Süßwarenindustrie in Schwung und auch in Mecklenburg entstanden Schokoladenfabriken. Der Kaufmann C. L. Friedrichs gründete 1864 in der Seestadt Rostock seine Schokoladenfabrik mit einem dazugehörigen Fachgeschäft. Dieser Rostocker Firma verdankten die Neubrandenburger ihren ersten Süßwaren-Automaten.
Im zweiten Teil der Nachricht in der Neubrandenburger Zeitung wird darauf hingewiesen, dass in dem bei den Neubrandenburgern beliebten Schützenhaus am Neuen Tor das Heizungssystem modernisiert wurde.
Die Zeitung schrieb dazu:
„Auf dem Südbahnhofe herrschte gestern Abend ein reger Verkehr. Vor dem Empfangsgebäude war unter Aufsicht des Herrn Restaurateur Foht ein Sander und Bade´scher Automatenapparat aufgestellt, und wurde derselbe nicht nur aufmerksam besichtigt, sondern auch fleißig in Anspruch genommen. Nach dem Einwurf eines Zehnpfennigstücks erschien auf der einen Seite eine Tafel Chocolade, auf der anderen Seite ein Schächtelchen Bonbons, beides Erzeugnisse der Dampf=Chocoladen= und Zuckerwaaren=Fabrik von C. L. Friedrichs=Rostock. Der Apparat functionirte sehr präcise und es machte sichtliches Vergnügen, hierbei zuzuschauen, denn Jeder opferte gern seine 10 Pf., um denselben in Thätigkeit zu setzen.
Gewarnt mag hier gleich werden, andere Gegenstände als Zehnpfennigstücke in den Apparat zu stecken. Die feine Waage ist so eingerichtet, daß sie nur auf den Einwurf eines Zehnpfennigstücks den Apparat in Thätigkeit setzt; das Einwerfen eines jeden ähnlichen Gegenstandes ist zwecklos und kann höchstens dazu beitragen, den Apparat in Unordnung zu bringen.
Gleichfalls am gestrigen Tage wurde in unserer Stadt ein zweiter beachtenswerther Gegenstand zur Aufstellung gebracht; es ist dies ein neuer Helios=Ofen, der im Locale des Schützenhauses Verwendung finden soll. Die Vorzüge, welche diesem Ofensystem nachgerühmt werden, sind hervorragende.
Historische Feier-Streiflichter
Die Zeitungen waren auch vor ca. 140 Jahren im Monat August voll von Meldungen zu Sommerfesten und Sommervergnügen verschiedenster Art. Hier stellvertretend einige Kurznachrichten dazu:
Die Neubrandenburger Zeitung vom 03.08.1884 berichtete von einem gelungenen Feuerwehrfest:
„Die hiesige freiwillige Feuerwehr feierte gestern ihr übliches Sommerfest mit einem Ausflug nach dem Broda'er Holz, dem sogenannten Buchenorte. Hier wurden mehrere Stunden dem zwanglosen Vergnügen geweiht, das besonders auch durch Zubereitung der mitgebrachten Speisen in Naturküchen bei Mutter Grün, wobei sich nicht selten ganz ergößliche Cenen entwickeln, wesentlich gesteigert wurde. Am Abend kehrte der muntere Verein zurück und veranstaltete vom Treptower Thore aus einen Fackelzug durch die Hauptstraßen der Stadt, dem ein Musikcorps, muntere Weisen spielend, voranging. Die im Freien begonnene Festlichkeit wurde im Vereinslocal bei Hrn. Stöwhase durch längeren Tanz fortgesetzt und endete zu allseitiger Befriedigung erst in den frühesten Morgenstunden.“
Die Königswasserpartie war ein besonderer Ausflug, zu dem es am 10.08.1890 hieß:
„Gestern Nachmittag fand bei reger Betheiligung der hiesigen Schützen die Königswasserparthie statt. Das Dampfboot "Fritz Reuter", auf welchem die Festtheilnehmer und eine Musikcapelle sich eingefunden hatte, fuhr Nachmittags 2 Uhr von hier nach dem Nemerower Holz. Dort wurden Gesellschaftsspiele arrangirt und als dann 80 Gewinne an die Kinder der Festtheilnehmer verteilt. Nachdem die Gesellschaft von einem nach Behmshöhe unternommenen Ausflug zurückgekehrt war, fand Concert und später Abendessen statt, an welch letzterem sich ca. 100 Personen betheiligten. Den Schluß des Vergnügens bildete ein Tanzkränzchen.“
Am 05.08.1896 wurde vom Turnfest und vom Sommervergnügen der Zimmerer gemeldet:
„Der Männer=Turnverein feierte gestern Nachmittag im hiesigen Schützengarten bei Concert und Schauturnen sein Sommerfest. Der Stargarder Turnverein war durch ca. 25-30 Mann vertreten. Am Abend fanden turnerische Vorführungen, wie Gruppenübungen, Fackelreigen u. s. w. statt, die alle sehr beifällig aufgenommen wurden. Der Besuch des Festes war trotz des drohenden Wetters sehr gut. - Gleichfalls hatten gestern Nachmittag die Zimmerer ein Sommervergnügen, bestehend in einer Wasserparthie auf dem Tollense=See, Besuch des Newerower und Brodaer Holzes und Tanz im Schultze´schen Lokale“
Im Allgemeinen Mecklenburgischen Anzeiger wurde am 11.08.1876 ein außergewöhnliches Konzert beschrieben:
„Abend wurde uns ein recht schöner Kunstgenuß geboten. Die Kapelle des Herrn Musicdirector Kunckel concertirte nämlich in der Nähe der sogenannten Soda-Bude des Herrn P. Lüdecke in mehreren Gondeln auf unserem See. Während des Concerts, dessen Programm eine reiche Auswahl bot, brannte Hr. Lüdecke ein hübsches Feuerwerk, bestehend in Raketen, Feuerrädern, Schwärmern, Kanonenschlägen ab. Die Betheiligung von Seiten des Publikums war bedauerlichst nicht allzurege, und wäre zu wünschen gewesen, daß die Anstrengungen der Herren "Unternehmer" durch zahlreicheren Besuch des Publikums eine größere Anerkennung gefunden hätten.
Dem Bau des Kurhauses Augustabad stand nichts mehr im Wege
Wilhelm Ahlers hat in seinen „Historisch topographischen Skizzen der Vorderstadt Neubrandenburg“ bereits 1876 von dem östlichen hohen Seeufer des Tollensesees mit seinen Fernsichten und Vergnügungsorten geschwärmt. Knapp 20 Jahre später wurde im Jahre 1894 die Aktiengesellschaft „Augustabad“ (benannt nach der Großherzogin von Mecklenburg-Strelitz) gegründet mit dem Ziel, das Terrain für Tourismus und Erholungszecke besser zu nutzen. Die Errichtung eines Kurhauses und einer Villenkolonie mit Strandbad und schattigen Wanderwegen für Erholungssuchende und Erholungsbedürftige war beschlossene Sache.
Nachdem in der Neubrandenburger Zeitung vom 24.01.1895 auf die stattgefundene konstituierende Generalversammlung der Aktiengesellschaft Augustabad hingewiesen wurde, auf der maßgeblich die Weichen zum Bau des Kurhauses Augustabad gestellt wurden, ging es zügig voran mit der Umsetzung der Pläne. Zu dem Zeitpunkt war das Bauholz schon angefahren worden und das Fundament und der Eiskeller des Kurhauses waren bereits fertiggestellt
Erfreulicherweise konnte bereits am 12. Juli 1895 in der Neubrandenburger Zeitung in den „Vermischten Anzeigen“ auf die bevorstehende Einweihungsfeier für das Kurhaus hingewiesen werden:
"Am Sonnabend, den 13. d. M., um 7 1/2 Uhr findet die Einweihung und officielle Eröffnung des Augusta-Bades durch ein Abendessen - Couvert zu 3 Mark - statt. Herren, welche sich an
demselben betheiligen wollen, werden gebeten, sich bei Herrn Schröder oder Herrn Sattler zu melden. Für Gelegenheit zur Rückfahrt ist gesorgt. Der Vorstand der A.-G. Augusta-Bad“
Am 14. Juli 1895 berichtete die Zeitung von der gelungenen Eröffnungsfeier:
"Zu der gestrigen Eröffnungsfeier des Kurhauses Augusta-Bad hatten sich mehr als 60 Personen eingefunden. In Veranlassung der Feier war das Gebäude mit Fahnen und Guirlanden geschmückt worden. Viel der erschienenen Gäste machten zunächst einen Rundgang durch das umfangreiche Gebäude, und alle waren erfreut über die geschmackvolle und comfortable Einrichtung des Kurhauses.
Gleich nach 8 Uhr begann das Festmahl in dem hübsch decorierten Saale. Die Tafel hielt die Gäste in fröhlicher Stimmung bis nach Mitternacht zusammen. Das erste „Hoch“ wurde von Hrn. Dr. Brückner auf die hohe Protectorin des Kurhauses, I. K. Hoheit der Großherzogin ausgebracht und als dann folgendes Telegramm an Hochdieselbe abgesandt: „Großherzogin Augusta, Königliche Hoheit, Neustrelitz. Das erste Hoch im Augusta-Bade weihen wir in festlicher Versammlung dankerfüllten Herzens und in schuldiger Ehrerbietung Eurer Königlichen Hoheit und seiner Königlichen Hoheit, dem Großherzoge. Gott erhalte Sie Beide noch lange unserm lieben Mecklenburg. Im Auftrage: Dr. med. Brückner.“
Später folgten noch verschiedene Reden auf den Vorstand und den Aufsichtsrath der Gesellschaft, den Magistrat unserer Stadt u.s.w. Die dargebotenen Speisen und Getränke waren vorzüglich, und der Wirth, Hr. Schröder, war in jeder Weise bemüht, zum Gelingen der Feier beizutragen. Während der Tafel concertirte in den Nebenräumen unsere Stadtcapelle.“
Fernsprech-Streiflichter vor 125 Jahren - Gasanstalt ging leer aus
Im April 1897 wurde in der Repräsentantensitzung beschlossen, welche Kosten für die Einrichtung eines Telefonanschlusses in Neubrandenburg übernommen werden.
Dazu heißt es in der Neubrandenburger Zeitung vom 13.04.1897:
„Nachdem die Vermehrung von Telephonanschlüssen in hiesiger Stadt Seitens mehrerer Interessenten beschlossen worden, ist auch angeregt, ob nicht ein Anschluß für die Gasanstalt und die Polizei geboten erscheine.
Repräsentanten lehnen die Bewilligung der Kosten für den Anschluß der Gasanstalt ab, bewilligen dieselben aber zur Höhe von 75 Mark für Herstellung einer telephonischen Verbindung mit der Polizeibehörde.“
Auch in den ländlichen Gebieten rund um Neubrandenburg gab es Begehrlichkeiten zur Anbindung ans Fernsprechnetz. Am 29.06.1898 wurde in der Neubrandenburger Zeitung mit Erfolg gemeldet:
„Im Anschluß an unsere frühere Mittheilung, betreffend die Ausgestaltung der Fernsprecheinrichtung für das flache Land, theilen wir unsern Lesern mit, daß für Neubrandenburg und Umgegend vom 1. Juli ab der Sprechverkehr für das Publikum in folgendem Umfange zugelassen ist:
a) zwischen den öffentlichen Fernsprechstellen in Neubrandenburg, Augustabad, Breesen, Weitin, Wulkenzin, Mallin, Kruckow (Mecklb.), Penzlin, Ankershagen, Marin, Möllenhagen, Lehsten, Groß-Varchow, Varchentin, Klein-Plasten, Waren, Grabowhöfe, Jabel, Clausdorf bei Varchentin, Großgievitz, Hungerstorf, Faulenrost, Rittermannshagen, Gielowermühle, und Malchin untereinander,
b) zwischen den öffentlichen Fernsprechstellen in Neubrandenburg, Augustabad, Breesen, Sponholz, Glienke (Mecklb.), Friedland (Mecklb.), Schwanbeck (Mecklb.), Roga (Mecklb.)“
In folgender Mitteilung in der Neubrandenburger Zeitung vom 13.06.1901 wurde jedoch gleichzeitig auf die Gefahren des Fortschritts hingewiesen:
„Vorsicht bei Benutzung des Telephons. Es ist sehr gefährlich, mit feuchten Händen am Telephon zu hantiren. An den Telephonapparaten, welche Privatzwecken dienen, sind häufig sogenannte Umschalter angebracht, die den Strom nach einem
entfernter gelegenen Läuteapparat leiten. Die Fälle sind vorgekommen, wo Leute trotz aller Mahnung zur Vorsicht einen solchen Umschalter mit feuchten Händen berührten, durch die feuchte Hand eine unbeabsichtigte Stromverbindung erstellten und durch den heftigen electrischen Schlag bewußtlos niedersanken. Halbseitige Lähmungen, Beeinträchtigung des Hörens, Sehens, Riechens und Schmeckens, sogar der Hautempfindlichkeit waren die bösen Folgen der Unvorsichtigkeit, welche mehr oder weniger nur langsam, in einigen Fällen garnicht wieder beseitigt werden konnten.“
(Un)Wetternachrichten im Frühjahr
Neben vielen Nachrichten zum Frühlingserwachen und damit einhergehenden Anregungen, sich in die Natur zu begeben, häufen sich in den alten Zeitungen im Monat Mai Meldungen zu Wetterphänomenen und Wetterunbilden. Besonders die Auswirkungen schwerer Gewitter gaben Anlass zur Sorge, da Blitzableiter und Feuerlöscher noch keine Selbstverständlichkeit waren.
So berichtet die Neubrandenburger Zeitung vom 28. Mai 1886 von einem Blitzeinschlag in die Kapelle St. Georg vor dem Treptower Tor
„Das gestrige Gewitter hat mehrfachen Schaden angerichtet; wie bereits erwähnt, traf ein Blitzstrahl die Capelle auf dem St. Georg. Der Blitz fuhr von der Stange der Wetterfahne über das Schindeldach hinweg und riß hier einen breiten Streifen der Hölzer herunter, von einem eichenen Balken wurde ein starker Splitter abgetrennt.
Nachdem dann eine der Thurmluken entfernt worden war, setzte der Blitz seinen Weg noch in das innere der Capelle fort. Von der Decke wurde an mehreren Stellen in größeren und kleineren Flächen der Kaltputz abgeworfen, so daß die ganze Capelle wie mit Kaltputz übersaet war. Ein deutlicher Streifen ist endlich noch an der
fürstlichen Wand zu sehen, aus welchen noch ersichtlich ist, daß die Gewalt des Schlages eine große gewesen sein muß. Innerhalb 5 Jahren ist dies das zweite Mal, daß die St. Georgs-Capelle vom Blitze getroffen worden ist, und soll dieselbe nunmehr mit einem Blitzableiter versehen werden.“
Um sich selbst helfen zu können, hier eine Anleitung zum Bau eines Feuerlöschers aus der Neubrandenburger Zeitung vom 6. April 1899
„In öffentlichen Gebäuden, namentlich in solchen, bei welchen eine Feuersbrunst ganz besonders schweren Schaden herbeizuführen geeignet ist, also Gemäldesammlungen, Archiven etc., hält man oft Feuerlöscher vorräthig, um einen entstehenden Brand schnell und bevor er noch Zeit hat, sich weiter auszubreiten, zu vernichten. Dabei gibt es ein Löschmittel, das Jedermann sich leicht und ohne viel Kosten selbst herstellen kann, so daß dadurch Jedermann auch seine Wohnung
gegen größeren Brandschaden leicht sichert. Zu diesem Zweck lößt man 20 Pfund gewöhnliches Kochsalz und 10 Pfund Salmiak in 30 Liter Wasser auf und füllt die Mischung in Quartflaschen von dünnem Glase - also gewöhnliche Weinflaschen genügen. Die Flaschen müssen gut verkorkt aufbewahrt werden. Wenn ein Feuer ausbricht, wirft man einige der Flaschen so in die Flamme und deren Umgebung, daß sie zerbrechen. Die dann ausfließende Mischung löscht kleinere Brände sehr schnell.“
"Durchbruchs-Stimmung" in Neubrandenburg vor 130 Jahren
In der Repräsentantensitzung Ende 1894 wurde dieser Tagesordnungspunkt mit folgendem Entschluss verschoben.
In der Neubrandenburger Zeitung/Allgemeiner Mecklenburgischer Anzeiger vom 18.11.1894 heißt es dazu:
„Von den mehrfach angeregten Durchbrüchen durch die Stadtmauer sind zuvörderst in Aussichtgenommen: ein Mauerdurchbruch beim Neuen Thor, desgleichen in der Thurmstraße und
endlich in der Behmenstraße. Vor Beschlußfassung hierüber und vor Genehmigung der hierdurch entstehenden anschlagsmäßigen Kosten halten Repräsentanten eine Besichtigung an Ort und Stelle für nothwendig, und wird daher die Vorlage bis zur nächsten Sitzung ausgesetzt.“
Der Durchbruch am Neuen Tor war bereits beschlossene Sache, bevor in der Repräsentantensitzung im März 1895 weitere für notwendig erachtete Mauerdurchbrüche auf der Tagesordnung standen.
In der Neubrandenburger Zeitung/ Allgemeiner Mecklenburgischer Anzeiger vom 10.03.1895 konnte man nun lesen:
„Nachdem jüngst über den mit Rücksicht auf die Volksschule herzustellenden Durchbruch beim Neuen Thor Beschluß gefaßt worden ist, wird vom Wohll. Magistrat vorgeschlagen, nunmehr auch noch einem Durchbruch am Ende der "Durchbruchs-Stimmung" in Neubrandenburg vor 130 Jahren Thurmstraße, welcher für den demnächstigen Verkehr der Schüler nach
und von der Volksschule ebenfalls erforderlich erscheine, zuzustimmen, und zwar nach Maßgabe der vorgelegten Zeichnung und des eingereichten Kostenanschlages, dessen Höhe sich auf 700 Mk. beläuft, wovon indessen von den Anwohnern der Thurmstraße bereits 300 Mk. aufgebracht sind.
Repräsentanten erklären sich mit der Herstellung des proponirten Durchbruchs am Ende der Thurmstraße und eines Weges von dort auf den Wall einverstanden, beantragen aber, daß die erforderlichen Arbeiten in Submission vergeben werden. Wegen der noch zu beschaffenden Canalisation behalten sie sich weitere Beschlußfassung vor.
Anlangend die Seitens der Repräsentanten bereits früher in Anregung gebrachten Mauer=Durchbrüche, so wird vom Wohllöbl. Magistrat mitgetheilt, daß der Durchbruch am Ende der Badstüberstraße abgelehnt werde, daß aber wegen des Durchbruchs am Ende der Pfaffenstraße, welcher mit Rücksicht auf das Dr. Mercker´sche Institut wünschenswerth erscheine, weitere Vorlagen gemacht werden sollten. Ueber eine wegen des Friedländer Thores gemachte Vorlage wollen Repräsentanten in nächster Sitzung beschließen.“
Der Durchbruch in der Turmstraße (zu dem Zeitpunkt stand am Ende noch der Turm, der der Straße ihren Namen gab) hatte jedoch nicht nur Befürworter und die Bedenken waren nicht von der Hand zu weisen.
In der Neubrandenburger Zeitung am 09.10.1895 wurde eine Zuschrift eines Zeitgenossen abgedruckt, in der es hieß:
„Unsere Stadt hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, namentlich ist auch Fleiß darauf verwandt worden, den Verkehrsverhältnissen durch verschiedene Verbesserungen Rechnung zu tragen. Zu letzteren sind auch die mehrfach geschaffenen Mauerdurchbrüche zu zählen. Der Durchbruch in der Thurmstraße entspricht jedoch nicht den gehegten Erwartungen. Macht schon der Zusammenfluß mehrerer offenen, zeitweilig üble Gerüche verbreitenden Rinnsteine die Benutzung des Durchganges fragwürdig, so läßt die Beschaffenheit des breiten Abflusses außerhalb der Stadtmauer erst recht viel zu wünschen übrig. Wir sind der Meinung, daß an dieser Stelle schon mit äußerst geringen Mitteln viel erreicht werden könnte, wenn der Abfluß zu beiden Seiten des Uebergangs verdeckt würde.“
einige Mauer-Daten:
- 1863 - Maueröffnung zum Bahnanschluss
- 1874 - Mauerdurchbruch am Treptower Tor
- 1894 - Mauerdurchbruch beim Friedländer Tor
- 1899 - eine große Mauerlücke am Ende der Turmstraße ist durch den Einsturz des dortigen Fangelturmes entstanden
- 1901 - Mauerdurchbruch an der Großen Wollweberstraße
- 1904 - Mauerdurchbruch am Ende der Darrenstraße neben dem Fangelturm
Tollensesee zugefroren
Der Tollensesee war zu Jahresbeginn 1901 zum zweiten Mal zugefroren. Der eisige Februar 1901 war auch für damalige Verhältnisse bemerkenswert. Die Sorge um die Wasservögel spiegelt sich in folgendem Artikel der Neubrandenburger Zeitung - Allgemeiner Mecklenburgischer Anzeiger, vom 17.02.1901 wider:
Unser Tollensesee, der vor Weihnachten selten zufriert, ist jetzt schon zum zweiten Mal mit einer Eisdecke belegt, doch ist dieser betreffs ihrer Sicherheit weniger zu trauen, weil die etwaigen "warmen Stellen" durch die vorhandene Schneelage verdeckt sind. Das vom Verein für Hebung des Fremdenverkehrs ausgesetzte Geflügel ist zum größten Theil zwar rechtzeitig eingefangen und wird in dem in der Nähe des Badehauses errichteten Vogelhause verpflegt, aber in große Bedrängniß sind die sonst auf dem See vorhandenen Wasser
vögel gerathen. Durch die über den ganzen See ausgebreitete Eisdecke ist ihnen die Nahrungsquelle entzogen, und hat die größere Schaar derselben sich anderweitig einen zusagenden Aufenthaltsort aufsuchen müssen. Eine größere Anzahl der Wasservögel hat sich bisher in der Nähe des Kropfes zusammengefunden, woselbst am Ausfluß zum Oberbache noch eine kleine Fläche eisfreien Wassers sich erhalten hat. Hoffentlich hält die starke Kälte, die in letzter Nacht bis auf -15°R. (Anmerkung: entspricht ca. -18°C) stieg, nicht mehr lange an, sonst ist zu befürchten, daß viele Thiere eingehen. Wie groß die Noth zur Zeit sein muß, läßt sich daraus ermessen, daß gegenwärtig verschiedene Vogelarten auf unsern Wallanlagen anzutreffen sind, die sonst die Nähe der Menschen meiden.
Leider hielt die Kälte noch mehrere Tage an und die Temperatur sank noch tiefer, wie in der Zeitung vom 21.02.1901 zu lesen war:
Neubrandenburg, 19. Februar.
Die Winterkälte hat einen Höhegrad erreicht, wie wir sie in diesen Winter noch nicht zu verzeichnen hatten. Das Thermometer sank in letzter Nacht bis auf - 17°R (Anmerkung: entspricht ca. -21°C), und damit hat die Verdrängniß der wildlebenden Thiere sehr zugenommen. Angestellte Nachforschungen haben ergeben, daß die Fütterung der Vögel nicht so allgemein geübt wird, wie solches in früheren Jahren anerkennend hervorgehoben werden konnte.
Anmerkung: Die Temperatur wurde noch in der veralteten Reaumur-Skala angegeben, die jedoch mit der amtlichen Umstellung auf Grad Celsius nahezu bedeutungslos wurde.
Ausflüge mit dem Dampfboot
Bereits im Februar wurden die Vorbereitungen getroffen für ungetrübte Ausflüge mit dem Dampfboot im nahenden Frühjahr. Die Abfahrtstelle des Dampfers lag zu dieser Zeit noch am Ende des Oberbachs und die Fahrrinne musste ständig gepflegt werden.
Die Neubrandenburger Zeitung vom 18.02.1885 berichtete:
„Um eine genügende Ausfahrt für das Dampfschiff „Fritz Reuter“ aus dem Ober=Bach in den Tollensesee zu gewinnen, wurde seit einiger Zeit Baggerungen an den seichten Stellen vorgenommen. Am Kropf war der Wasserstand ein so geringer, daß bei den Probefahrten im Herbste, obgleich der Wasserstand der Tollense im Allgemeinen ein ziemlich hoher war, das Dampfschiff den Grund erreichte. Es werden nun an einzelnen Stellen mittels Handbagger einige Fuß Erdmasse herausgehoben, und um eine Versandung vorzubeugen, ist bereits ein Holz=Molo hergerichtet worden. Alle diese Arbeiten sind aber nur mit einem erheblichen Kostenaufwand auszuführen und bezeugen auf's Beste, daß der Besitzer des Dampfschiffs nichts verabsäumt, um eine bequeme und sichere Wasserverbindung auf unserem herrlichen Tollensesee herzustellen.“ Alljährlich musste die Wassertiefe bzw. Verlandung der Fahrstrecke geprüft werden. Das Dampfboot wurde bereits seit dem Sommer 1877 auf dem Tollensesee eingesetzt und erfreute sich
großer Beliebtheit. Das Eintreffen des Bootes hatte für viel Aufsehen gesorgt.
Im Allgemeiner Mecklenburgischer Anzeiger, 25.07.1877 war zu lesen:
„Am Freitag d. W. traf mittelst der Eisenbahn das schon etwa vor 14 Tagen erwartete, auf Actien erbaute Dampfboot von Schwartau bei Lübeck hier ein. Nachdem dasselbe unter Begleitung eines zahlreichen Publikums per Achse nach der Tollense gebracht und
in dieselbe hinabgelassen war, begann man sogleich mit der Aufstellung der Maschine. Heute ist mit dem Boot bereits eine Probefahrt über den Tollenser See gemacht worden. Die, wie verlautet, befriedigend ausgefallen sein soll.“
Die Vorarbeiten zum Anschluss ans Bahnnetz laufen auf Hochtouren.
Allgemeiner Mecklenburgischer Anzeiger, Nr. 23 | 25. März 1863
Neubrandenburg, 24. März 1863
„Der Eisenbahnbau bei unserer Stadt schreitet, von dem gelinden Winter begünstigt, rüstig vorwärts. Der Bahnhof ist planirt, ringsrum mit Bäumen bepflanzt und werden auf demselben jetzt Dienstgärten angelegt. Material zu den Bahnhofsgebäuden ist zum Theil schon angefahren und es wird mit deren Bau wahrscheinlich auch bald begonnen werden. Viele Schwierigkeiten scheint die Bahnstrecke durch die Wiesen zu verursachen, da die Erde aus größerer Entfernung herangeschafft werden muß, jedoch hofft man die Verbindung bis zur Krappmühle in nächster Zeit hergestellt zu sehen. Die Brückenbauten in den Wiesen erfordern ebenfalls viel Zeit und Mühe - um festen Grund zu haben sind bei einer Brücke mehrere Hundert Tannen eingerammt worden.“